Mehr als 50 führende internationale Golfverbände und Profitouren sind von einem neuen KI-gestützten Nachhaltigkeits-Assessment von Global Sustainable Sport (GSS) untersucht worden, zu dem nun ein erster Zwischenbericht vorliegt. Um es vorwegzunehmen: Aus der Golfbranche schneiden die DP World Tour, der R&A und Swiss Golf bis dato am besten ab. Insgesamt überrascht das Ergebnis: Während einige Golfverbände bei gesellschaftlicher Teilhabe, Partnerschaften und der Arbeit mit Menschen zur internationalen Spitze gehören, zeigen sich bei anderen Themen – insbesondere Umwelt, Governance oder Kommunikation – deutliche Entwicklungspotenziale.
Entscheidend ist bei einem Blick auf das Ergebnis aber: Bewertet wurde nicht in erster Linie, wie nachhaltig ein Verband tatsächlich arbeitet, sondern wie umfassend und nachvollziehbar er seine Aktivitäten öffentlich dokumentiert und kommuniziert. Gerade dieser Punkt ist nach Meinung von GSS-Gründer von Mike Laflin aber extrem wichtig: „Sportverbände müssen bei ihren Sportlern und Fans ein Bewusstsein für die Thematik schaffen, hierbei spielen zugängliche Dokumentationen und Kommunikation eine wesentliche Rolle.“
Mit dem neuen GSS SPI Assessment Programme hat Global Sustainable Sport einen Bewertungsansatz entwickelt, der Nachhaltigkeit im Sport wesentlich breiter versteht als die klassische Betrachtung von Klima- und Umweltschutz. Grundlage bilden zwar die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs), sie wurden jedoch in einen sportspezifischen Kontext übersetzt. Bewertet werden sämtliche Bereiche, in denen Sportorganisationen gesellschaftliche, ökologische und wirtschaftliche Wirkung entfalten können – von der Förderung körperlicher Aktivität über Biodiversität und Klimaschutz bis hin zu Governance, wirtschaftlicher Verantwortung, Kommunikation und Stakeholder-Dialog.
„Wir wollen wissen, wie nachhaltig, zielgerichtet und wirkungsvoll eine Sportorganisation in allen Bereichen der Nachhaltigkeit ist – nicht nur in ökologischer Hinsicht“, erklärt GSS-Gründer Mike Laflin. „Es handelt sich um eine ganzheitliche Betrachtung dessen, was Sport bewirkt.“
Mehr als 150 Indikatoren und 6.500 Suchbegriffe
Das Verfahren basiert vollständig auf öffentlich zugänglichen Informationen. Die KI durchsucht Websites, Nachhaltigkeitsberichte, Strategiepapiere und weitere veröffentlichte Dokumente einer Organisation automatisch in insgesamt 134 Sprachen. Dabei sucht das System nach mehr als 6.500 Schlüsselbegriffen, die Aussagen zu Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Wirkung identifizieren.
Anschließend werden die Inhalte anhand von über 150 gewichteten Indikatoren ausgewertet. Für jeden Indikator prüft das System drei Entwicklungsstufen:
- Awareness: Ist sich die Organisation eines Nachhaltigkeitsthemas bewusst?
- Active: Werden konkrete Maßnahmen umgesetzt?
- Impact: Werden Ergebnisse gemessen und transparent berichtet?
Erst wenn alle drei Ebenen nachweisbar sind, steigt die Bewertung deutlich an. Die KI erstellt daraus eine detaillierte Analyse, die bei großen Organisationen mehr als 500 Seiten umfassen kann. Jeder Bericht wird zusätzlich einer menschlichen Qualitätskontrolle unterzogen.
Das Besondere: Für die bewerteten Verbände entsteht praktisch kein zusätzlicher Arbeitsaufwand. Sämtliche Analysen basieren ausschließlich auf bereits veröffentlichtem Material. Das bedeutet allerdings auch, dass die Ergebnisse unmittelbar von der Qualität und Vollständigkeit der öffentlichen Kommunikation abhängen. Fehlende Informationen auf Websites oder in Berichten wirken sich entsprechend negativ auf die Bewertung aus – selbst wenn Maßnahmen intern bereits umgesetzt werden.
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Sieben Säulen statt reiner Umweltbewertung
Im Mittelpunkt stehen sieben Nachhaltigkeitssäulen des Sports: Partnerschaften, Partizipation, Menschen, Umwelt, Governance, Kommunikation sowie wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Damit unterscheidet sich das Verfahren deutlich von klassischen ESG- oder Umwelt-Rankings.
„Wir hoffen, dass sich dadurch eine neue Art der Bewertung des Sports etabliert, bei der der SPI im Mittelpunkt steht und nicht die Medienrechte und die Einschaltquoten – mit anderen Worten: bei der sowohl der Zweck als auch der Gewinn und das Profil berücksichtigt werden.“ Das langfristige Ziel besteht darin, Sportorganisationen bis 2030 auf einer vierstufigen Entwicklungsreise von „Starter“ über „Sustainable“ und „Purposeful“ bis zur höchsten Kategorie „Impactful“ zu begleiten. Nach Angaben von GSS wurden in den vergangenen drei Jahren bereits mehr als 5.000 Sportorganisationen analysiert und über 3.000 detaillierte Assessments erstellt. Noch keine Organisation erreicht bislang die höchste Bewertungsstufe.
Swiss Golf führender nationaler Verband
Im ersten Zwischenbericht für den Golfsport wurden internationale Verbände, Touren und nationale Golfverbände miteinander verglichen.
Angeführt wird das Gesamtranking von der European Tour Group mit einem SPI-Index von 4,62, gefolgt von The R&A (4,46) und Swiss Golf (4,36). Dahinter folgen England Golf, die International Golf Federation, der Finnish Golf Union, der Danish Golf Union sowie die PGA Tour. Der Deutsche Golf Verband belegt mit einem SPI-Wert von 2,80 Rang 15 der ausgewerteten Golforganisationen und befindet sich als zweitgrößter europäischer Verband auf Rang 403 aller untersuchten Sportorganisation, während England als größter Verband auf Platz 123 und Swiss Golf auf 103 rangiert. Beide Verbände haben seit Jahren eine Nachhaltigkeitsstrategie vorliegen und sind mit konkreten Projekten in der Umsetzung aktiv.
Interessant ist der Blick auf die einzelnen Nachhaltigkeitssäulen. Swiss Golf erreicht innerhalb der untersuchten Golforganisation Platz eins im Bereich Participation und zählt gleichzeitig zu den führenden Organisationen bei Partnerschaften, Governance und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. The R&A führt die Kategorien Partnerships, People und Prosperity an. Die European Tour Group erzielt Bestwerte bei den Bereichen Planet und Profile. Im Bereich Governance (Power) liegt die International Golf Federation an der Spitze.
Auffällig ist außerdem das Ergebnis des Österreichischen Golfverbandes. Während Österreich im Gesamtranking nur im Mittelfeld liegt, erreicht der Verband Platz drei im Bereich Partizipation sowie Platz vier in der Kategorie Menschen. Im Umweltbereich gehört er dagegen nicht zu den fünf bestplatzierten Organisationen. Das verdeutlicht den ganzheitlichen Ansatz der Untersuchung: Eine starke Leistung in einzelnen Nachhaltigkeitsdimensionen kann Defizite in anderen Bereichen nicht vollständig ausgleichen.
Kommunikation wird zum Wettbewerbsfaktor
Der Zwischenbericht macht deutlich, dass Nachhaltigkeit künftig nicht mehr allein an Umweltmaßnahmen gemessen wird. Ebenso wichtig werden soziale Wirkung, wirtschaftliche Verantwortung, gute Governance und eine transparente Kommunikation.
Gerade letzterer Aspekt dürfte für viele Verbände zur Herausforderung werden. Denn die Analyse bewertet ausschließlich öffentlich dokumentierte Aktivitäten. Nachhaltigkeit muss deshalb nicht nur umgesetzt, sondern auch nachvollziehbar kommuniziert werden. Der erste GSS-Zwischenbericht versteht sich damit weniger als abschließendes Urteil über die tatsächliche Nachhaltigkeitsleistung einer Organisation als vielmehr als Bestandsaufnahme ihrer öffentlich belegbaren Aktivitäten – und als Ausgangspunkt für eine kontinuierliche Weiterentwicklung bis zum Jahr 2030. Ende des Jahres legt GSS den ersten Abschlussbericht vor. Es wird spannend zu beobachten, welche Verschiebungen sich dann noch ergeben.
Schließlich findet sich zum Beispiel die Ladies European Tour, die über ihr Ambassador-Programm durchaus im Bereich Nachhaltigkeit an die Öffentlichkeit geht, noch nicht in der Auflistung, da hier die finale Bewertung noch aussteht. Eines nämlich ist auch klar: Eine 100prozentige KI-Analyse ist das Programm nicht. Am Ende nimmt Mike Laflin die Auswertungen noch einmal selbst in die Hand, um Auffälligkeiten oder überraschende Abweichungen zu überprüfen.
Für den Golfsport insgesamt aber gilt: Die ersten Ergebnisse spiegeln die Realität in vielerlei Hinsicht wieder. Die DPWorld Tour ist seit Jahren gerade bei den Rolex Events mit starken Projekten auch in den Bereichen Mobilität, Energie und CO2-Tracking unterwegs. Der R&A hat sich längst zu einem wichtigen Vorreiter bei Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt und seit der Vorlage von Course 2030 auf die wichtige Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien verwiesen. Swiss Golf schließlich, obwohl ein kleiner Verband, hat damals unter der Führung von Präsident Reto Bieler, das Thema Nachhaltigkeit zu einem Fokusbereich erklärt. Das hat die KI nun gewürdigt.








Fotos: Petra Himmel