Obstbaumpflege ist Teil des Greenkeeping

An Loch 15 steht der Mäher still. Halb verdeckt von den Zweigen eines großen Apfelbaumes steht an diesem Morgen ein Greenkeeper auf dem Sitz seines Mähers und sucht nach dem Objekt seiner Wahl: den täglichen Apfel. Er hat Glück – auf diesem Golfplatz tragen die Obstbäume reichlich, weil man sich um sie kümmert. Obstbäume, auf Streuobstwiesen von Golfanlagen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz immer wieder ein Hingucker, setzen nicht nur optische und spielerische Akzente, in Deutschland sind sie seit 2021 auch Teil des immateriellen UNESCO Weltkulturerbes.

Die Pflege beginnt am ersten Tag

Die Obstbaumpflege bleibt trotzdem ein Problem: So schön die Streuobstwiesen sind, jeder einzelne Baum braucht von Tag 1 an Pflege. Ein Blick über viele Golfanlagen aber zeigt: Die Äste sind nicht zugeschnitten, die Rinden gerissen, die Blätter abgefallen. Auf gut der Hälfte aller Golfanlagen zumindest in Deutschland schätzt Hubert Kleiner, Ex-Vorsitzender des Deutschen Greenkeeper-Verbandes und Obstbaumspezialist, werden Obstbäume sich selbst überlassen. „Dabei beginnt die Pflege schon mit dem Wurzelschnitt beim Setzen des Baumes und dem ersten Pflegeschnitt, mit dem bestimmt wird, wieviele Äste der Baum haben soll.“

Die Problematik bei der richtigen Behandlung der Golfplätze aber ist auf nahezu allen Golfplätzen gleich. Die Greenkeeper Ausbildung, egal wo in Europa, beinhaltet keinen Obstbaumschnitt. „Selbst bei der Ausbildung zum Landschaftsgärtner ist das nicht Teil der Grundausbildung“, resümiert Kleiner. Für Golfanlagen bedeutet dies: Sie müssen den Schnitt entweder gegen Bezahlung auslagern, ihr Greenkeeping-Personal ausbilden oder sich an Mitglieder wenden, die diesen Job ehrenamtlich übernehmen. Dabei sind über 200 Obstbäume auf einer 18-Löcher-Golfanlage durchaus keine Seltenheit.

Winter-Lehrgang für den Greenkeeper

„Preislich kann man für einen Einzelbaum, der zehn bis 15 Jahre nicht gepflegt wurde, schon bei 20 bis 40 Euro pro Schnitt liegen, rechnet Kleiner vor. Kurzum: Die Pflege kann sich aufsummieren. Kleiner empfiehlt deshalb zwei Vorgehensvarianten: Zum einen werden Lehrgänge für Obstbaumschnitt von zahlreichen Garten- und Obstbauvereinen angeboten. „Im Winter bietet sich da ein Lehrgang für einen Greenkeeper an, der in der Regel drei bis vier Tage dauert. Der Greenkeeper kann dann die anderen Greenkeeper unterweisen.“ Variante zwei ist die Kooperation mit einem Gartenbauverein, der entweder Kurse auf der Golfanlage abhält oder mit seinen Fachleuten gegen Bezahlung den Zuschnitt übernimmt.

Stellt man die Golfanlage für einen Kurs zur Verfügung, fallen zwar keine Kosten an, aber man muss mit den Anfängerfehlern beim Zuschnitt der unerfahrenen Kursteilnehmer leben. „Das klappt natürlich nicht immer auf Anhieb“, schmunzelt Kleiner, weist aber auch darauf hin, dass Obstbaumschnitt zumindest in Teilen ohnehin eine individuelle Sache sei. „Es gibt hier natürlich eine Lehrmeinung, aber verschiedene Variationen sind möglich.“

Absterben der Bäume verhindern

Am schlimmsten, so Kleiner, ist Nichtstun: „Der Baum gibt sich irgendwann selbst auf, vergreist und wächst nicht mehr. Alle Kraft geht in das Laub, es kommen keine Früchte mehr. Wenn das letzte Laub abgefallen ist, ist der Baum tot.“ In dem Fall kann er nur noch als Totholz für Insekten und Vögel dienen.

Besonders oft wird der Zuschnitt von Obstbäumen zum Thema, wenn Golfanlagen das Greenkeeping an externe Firmen vergeben. In den klassischen Greenkeeping-Verträgen ist die Obstbaumpflege nicht enthalten, den zusätzlichen Kostenaufwand scheuen manche Clubs.

Dabei sind Streuobstwiesen bei richtiger Pflege ein echter Zugewinn für die Golfanlagen, auf die sie klimatisch und von den Bodenbedingungen passen. Beides muss vor dem Pflanzen unbedingt abgeklärt werden, weil auch Obstbäume unter zunehmenden Wassermangel in trockenen Regionen leiden. Vor allem die großen, alten Birnenbäume leiden nach Kleiners Ansicht sehr. Starke Temperaturschwankungen führen zu Rissen in der Rinde, wo sich dann Schädlinge festsetzen können.

Dagegen ist das Bild von Obstbaum-Alleen oder großen Streuobstwiesen, wie sie viele Golfanlagen haben, ausgesprochen attraktiv. In solchen Fällen hat sich der Pflegeaufwand gelohnt.