Klimawandel fördert Schädlingsbefall

Unzählige kleine Larven unterhalb der Grasnarbe ruinieren perfekte Fairways, fressen sich an Graswurzeln auf dem Grün fett. „Tipula-Larven: Die kleine Pest, die die Zukunft der Golfplätze bedroht“, titelte das britische Magazin National Club Golfer 2021, nachdem fast 400 Greenkeeper in Großbritannien bei einer Umfrage der Firma Syngenta angegeben hatten, dass ihr Platz von dem Schädling heimgesucht wurde. „2021 war noch viel schlimmer als 2020, weil wir ein so kaltes Frühjahr hatten und das Gras nicht richtig zum Wachsen kam“, resümiert Glen Kirby von der Firma Syngenta. Dabei sind nicht allein britische Golfplätze von dem Problem betroffen. Auch in anderen Teilen Europas machen sich die Larven breit. Das Bild, das sich dann dem Greenkeeper und auch dem Golfer bietet, ist ausgesprochen unschön.

Heftiger Befall in Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein ließ es sich schon im Sommer 2021 auf diversen Plätzen beobachten: Vögel, insbesondere Krähen, hacken die Fairways großflächig auf, weil sie die Larven als Nahrung schätzen. Aber auch Dachse schätzen die proteinhaltigen Insekten. Das Ergebnis sind Fairways und Grüns, die großflächig aus zerstörten Grasnarben bestehen. Allerdings beginnen die Probleme schon nach der Eiablage durch die Schnaken: Die Larven ernähren sich zum einen von den Wurzeln des Grases, in feuchten Nächten kommen sie aber durchaus auch an die Oberfläche und fressen dann die Halme an. Kein Wunder also, dass die Grüns in der Folge durchlöchert und unregelmäßig aussehen.

In Deutschland waren vor allem der Raum Nordrhein-Westfalen sowie der Norden betroffen: „Unsere Anstrengungen haben sich in diesem Jahr vor allem auf diese beiden Regionen konzentriert“, resümiert Frank Lentschig von der Sommerfeld AG, die als Dienstleister im Bereich Greenkeeping zahlreiche Golfanlagen in Deutschland betreut.

Eine Umfrage des Greenkeeper Verbandes ergab im Januar 2022 für Schleswig Holstein, dass 28 von 29 Plätzen, die daran teilnahmen, Probleme mit der Tipula-Larve hatten, während Gartenlaub- und Junikäfer nur vereinzelt auftraten. Dabei waren in 96,55 Prozent der Fälle die Grüns betroffen, in mehr als 60 Prozent Fairways und Grüns. Über 40 Prozent der Befragten meldeten Schäden auf einer Fläche von 5.000 bis 10.000 Quadratmetern. Zum Vergleich: In Bayern wurde kein außergewöhnlicher Befall gemeldet.

Gewinner des Klimawandels

Dabei sind die Tipula-Larven laut Paul Woodham vom britischen Rasenforschungsinstitut STERF Gewinner des Klimawandels: „Bedingt durch den Klimawandel gibt es die kalten Winter, die die Mücken töten, nicht mehr. Deren Anzahl steigt“, erläuterte er dem britischen Magazin Golf Monthly 2021. Die Larven entwickeln sich besonders gut in feuchtem Gelände, weshalb zunehmend auch Sportstätten betroffen sind, weil deren Gras ja bewässert wird.

Die Tipula-Larven sind dabei kein neues Phänomen – es gibt sie schon ewig. Aber die Genehmigung zur Benutzung des Schädlingsbekämpfungsmittel Chlorpyrifos, das von der US-Firma Dow Chemical Mitte der 1960er Jahre eingeführt wurde, verlängerte die EU im Januar 2020 nicht mehr. In Großbritannien wurde das Insektizid bereits 2016 vom Markt genommen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO führt Chlorpyrifos als „moderat giftig für Menschen“ auf. Für Insekten jeder Art ist es extrem giftig und bedroht damit die Biodiversität. Das schnell wirkende Insektizid ist deshalb keine Option mehr für Golfplätze. In Deutschland und auch in der Schweiz ist derzeit überhaupt kein Insektizid gegen die Larven zugelassen, in Österreich Acelepryn, das ab April 2022 erhältlich sein wird. Für dieses Mittel gibt es auch in Großbritannien inzwischen eine Sonderzulassung für Golfplätze mit Notfallsituationen. Wobei Glen Kirby darauf hinweist, dass auch dieses Mittel nicht alle Probleme lösen könne. „Man muss hier in der Anwendung, in der richtigen Zeitphase und in der Weiterbehandlung sehr genau sein.“ Außerdem handelt es sich natürlich um ein Insektizid.

Die Konsequenzen des Larvenbefalls auf Golfplätzen sind vielfältig: Im Golf Club Großensee in der Nähe von Hamburg zum Beispiel versucht Headgreenkeeper Heiko Tock dem Übel mit Nematoden zu Leibe zu rücken. Beraten wird er dabei von Beate Licht, Leiterin des Arbeitskreises Integrierter Pflanzenschutz beim Deutschen Golf Verband, die sich seit längerem mit der Thematik beschäftigt. Heiko Tocks Erfahrung mit der Nematoden-Behandlung: „Die befallenen Flächen müssen ständig feucht gehalten werden, Nachsaaten sind nötig. Alles in allem ist das ein ziemlich aufwändiger Prozess.“ Für den GC Grossensee war die Behandlung allerdings alternativlos, weil die Fairways zum Teil großflächig aufgerissen waren. Nachdem im Raum Schleswig-Holstein zahlreiche Clubs von der Problematik betroffen waren, hofft Tock nun zusammen mit zahlreichen Kollegen auf eine Sondergenehmigung für den zeitlich begrenzten Einsatz eines Insektizids im Jahr 2022.

Folien-Abdeckung lockt die Larven an die Oberfläche

Andere Golfanlagen, die mit Larven-Befall auf den Grüns zu tun hatten, nutzen zum Beispiel die Abdeckung der befallenen Flächen mit dunklen Folien, die dann bei Tageslicht abgezogen werden. Die Larven sammeln sich dann an der Oberfläche und können im Anschluss zum Beispiel abgesammelt werden. „In Bezug auf die Auswahl der Maßnahme ist eine biologische Schädlingsbekämpfung vermutlich in den meisten Fällen wirtschaftlicher. Bleibt kein anderes Mittel, sollte auf die Folie jedoch nicht verzichtet werden, denn der mögliche Schaden kann deutlich größer als der betriebene Aufwand sein“, resümiert Lentschig für die Sommerfeld AG. Er berichtet, dass das Unternehmen inzwischen nicht nur mit den Nematoden arbeite, sondern auch mithilfe von neuen Maschinen mit Druckluft experimentiere. „Hier arbeiten wir minimalinvasiv und sammeln erste Erfahrungen.“

In Großbritannien haben die Larven bei zahlreichen Golfern für Unmut gesorgt, weil sich ihr Heimatclub nicht in dem Qualitätszustand präsentierte, den sie gewohnt sind. „Wir hatten eine ganze Reihe Mitglieder, die gekündigt haben“, resümierte Paul Shepherd, Course Manager beim Nizels Golf Club in Kent gegenüber der Tageszeitung The Telegraph. „Aus dem einfachen Grund – sorry, dass ich es so deutlich sage, weil auf einem anderen Platz das Gras grüner war. Allerdings war dann in diesem Jahr das Gras bei uns wieder grüner. Dann kommen sie wieder zurück.“

Sinkt die Platz-Qualität auf Dauer? 

Tatsache ist: Das Problem des Schädlingsbefalls wird die Golfplätze auf Dauer begleiten. Der Golfer wird sich an das Thema gewöhnen müssen. Schon 2018 wies Stuart Green, Leiter der Mitgliederschulung bei der British and International Golf and Greenkeepers Association darauf hin, dass sich der Golfer auf veränderte Spielbedingungen einstellen müssten: „Möglicherweise sehen sie jetzt mehr Schäden auf dem Platz. Bereiche sind aufgerissen und müssen neu eingesät werden. Eventuell sind mehr Bereiche des Bodens in Ausbesserung. Einige Teile der Fairways könnten abgesperrt sein. Die Golfer müssen sich damit abfinden, dass dies von nun an ein häufigerer Anblick sein wird. Es wird schwieriger und in einigen Fällen sogar unmöglich werden, die makellosen Oberflächen herzustellen, die Golfer erwarten.“

Die mit dem Klimawandel langsam steigenden Temperaturen bleiben ein Dauerthema. Genauso wie das Verbot der Insektizide. Prächtige Umstände für die Tipula-Larve – ungünstige Aussichten für Greenkeeper und Golfer .