Wenn Handicap keine Rolle mehr spielt
Autor: Dr. Sabine Köhler
Im Haxterpark in Paderborn ist Deutschlands ungewöhnlichstes Golfmodell zu finden: Barrierefreier Sport, ein gemeinnütziger Inklusionsbetrieb und ökologische Platzentwicklung greifen hier ineinander. Die Geschichte von Rafa Lawah zeigt, was das im Alltag bedeutet – und warum die Debatte über paralympisches Golf weit über den Leistungssport hinausreicht.
Es beginnt nicht mit Golf
Als Rafa Lawah zum ersten Mal im Haxterpark sitzt, hat sie mit Golf noch wenig zu tun. Ihr Vorstellungsgespräch findet auf der Terrasse an der Driving Range statt. Von dort blickt man auf die Übungsfläche und hinaus zum ersten Abschlag. Lawah erinnert sich weniger an sportliche Details als an die Atmosphäre: »Da habe ich gemerkt: Hier ist Harmonie, eine ganz tolle Stimmung. Ich dachte, dass ich mich hier wohlfühlen werde.«
Heute arbeitet Lawah im Sekretariat der Golfanlage. Sie übernimmt Spätdienste, schließt den Betrieb ab und organisiert ihren Arbeitsplatz so, dass sie möglichst selbstständig arbeiten kann. Und sie spielt Golf – regelmäßig, mit Freunden, inzwischen auch bei Turnieren im Ausland. Der Sport kam erst durch die Arbeit in ihr Leben.
Der Wendepunkt war ein Hilfsmittel, von dessen Existenz sie zuvor nichts wusste: der Paragolfer, ein spezielles elektrisch betriebenes Gefährt, das Menschen mit erheblichen Mobilitätseinschränkungen auf dem Platz bewegen und für den Golfschlag in eine geeignete Position bringen kann. Als der Haxterpark ein solches Gerät anschaffte, probierte Lawah es aus. »Dann habe ich Interesse gezeigt. Und es hat mir sehr viel Spaß gemacht.« Aus einer Mitarbeiterin einer Golfanlage wurde eine Golferin.
Diese kleine biografische Verschiebung beschreibt ziemlich genau, worum es im Haxterpark geht. Inklusion bedeutet hier nicht, Menschen nachträglich Zugang zu einem bestehenden System zu verschaffen. Das System selbst soll so gebaut sein, dass möglichst viele Menschen darin arbeiten, Sport treiben und sich bewegen können.
Eine Golfanlage als Inklusionsbetrieb
Der Haxterpark auf der Paderborner Hochfläche ist keine gewöhnliche Clubanlage. Betreiber ist eine gemeinnützige GmbH, die als Inklusionsbetrieb organisiert ist. Greenkeeping, Gastronomie und Golfverwaltung sind in dieser Gesellschaft angesiedelt. Nach Angaben des Haxterparks bestehen derzeit rund 50 sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse; knapp die Hälfte davon sind inklusive Beschäftigungsverhältnisse.
Damit verschiebt sich der Blick auf Inklusion. Menschen mit Behinderung sind nicht nur Gäste oder Teilnehmer eines besonderen Sportangebots. Sie sind Kolleginnen und Kollegen, Ansprechpartner im Sekretariat, Beschäftigte in Küche, Service oder Platzpflege. Der Betrieb selbst ist Teil des Konzepts.
Geschäftsführer Helmut Böhmer beschreibt den Anspruch mit einem Satz, der im Haxterpark fast wie eine Betriebsanleitung klingt: Der ganze Betrieb müsse inklusiv funktionieren; andernfalls bleibe Inklusion ein Zusatzangebot. Das Leitbild der Anlage formuliert entsprechend drei miteinander verbundene Felder: Inklusion, Wissenschaft und Nachhaltigkeit.
Lawah erlebt diese Idee nicht als Programm, sondern als Alltag. »Wir sind sehr familiär hier«, sagt sie. »Man geht miteinander sehr gut um, ob Mensch mit oder ohne Behinderung. Da spielt es keine Rolle, eine Behinderung zu haben.« Für sie zeigt sich Inklusion vor allem in ihrer Selbstständigkeit. An ihrem Arbeitsplatz nutzt sie einen höhenverstellbaren Rollstuhl, mit dem sie nahezu alle anfallenden Tätigkeiten ohne fremde Hilfe erledigen kann. »Ich mache auch Spätdienste, ich schließe abends den Betrieb – ich mache alles selbst.«
INSERT_STEADY_NEWSLETTER_SIGNUP_HERE
121 Bunker – und eine Einstiegsseite
Wie ernst eine Anlage Barrierefreiheit nimmt, zeigt sich selten am Eingang. Entscheidend sind die Stellen, an denen Standardlösungen enden: Türbreiten, Bewegungsflächen in Umkleiden und Duschen, sanitäre Anlagen, Steigungen – oder ein Hindernis mitten auf dem Golfplatz.
Der 18-Loch-Kurs Haxterhöhe Links besitzt 121 Bunker. Sie gehören zum sportlichen Charakter des Platzes. Zugleich wurden die Bunker so angelegt, dass jeweils eine Seite für Rollstuhlnutzer zugänglich ist. Das gesamte Golfareal und zentrale Einrichtungen sind nach dem System »Reisen für Alle« auf Barrierefreiheit ausgerichtet. Die Pointe liegt im Detail: Der Bunker wird nicht entfernt, um Golf leichter zu machen. Er wird zugänglich gemacht, damit die sportliche Herausforderung für mehr Menschen überhaupt stattfinden kann.
Auch Lawah bewegt sich mit ihrem Paragolfer weitgehend selbstständig über den Platz. Ein Greifhilfsmittel hilft ihr, Bälle aufzunehmen. Wenn sie über ihre Runde spricht, geht es bemerkenswert schnell nicht mehr um Barrieren, sondern um Golf. Bahn sieben auf dem Neun-Loch-Platz beschäftigt sie besonders: zwei Bäume, ein enger Korridor, eine längere Bahn. Sie versucht es immer wieder. Genau darin unterscheidet sich ihre Erzählung kaum von der jedes anderen Golfers: Im Fokus steht plötzlich nicht der eigene Körper, sondern die nächste Bahn.
„Ich denke gar nicht darüber nach“
Auf die Frage, ob sie während einer Runde ihre Behinderung noch wahrnehme, antwortet Lawah ohne Pathos: »Ich denke gar nicht darüber nach. Ich denke nur an das Golfspielen, an die Person, mit der ich zusammen gehe, an den Spaß – und daran, dass ich gut spiele.«
Ein starker Satz über Inklusion in diesem Zusammenhang, gerade weil das Wort darin nicht vorkommt. Teilhabe ist gelungen, wenn sie nicht in jeder Situation erklärt werden muss.
Golf besitzt dafür besondere Voraussetzungen. Der Sport kennt ohnehin sehr unterschiedliche körperliche Bedingungen, Altersgruppen und Spielstärken. Sein Handicap-System – im sportlichen Sinn – soll Leistungsunterschiede vergleichbar machen. Alter, Beweglichkeit und Koordination verändern sich zudem im Laufe eines Lebens. Barrierefreiheit ist deshalb nicht ausschließlich Infrastruktur für eine kleine Gruppe. Sie kann zum Prinzip eines Sports werden, dessen Mitglieder selbst älter werden.
Lawah beschreibt ihre Erfahrung auf Mallorca ähnlich. 2025 spielte sie beim Handisport Mallorca Open und traf dort Golferinnen und Golfer mit unterschiedlichen Behinderungen. Für sie war schon die Reise Teil der Erfahrung: fliegen, auf einer fremden Anlage spielen, andere Athleten treffen. »Es geht. Es ist machbar, es ist möglich«, sagt sie. Genau diese Erfahrung wolle sie weitergeben – besonders an Menschen, die Golf für sich von vornherein ausschließen.
Vom inklusiven Breitensport zur internationalen Spitze
Die internationale Entwicklung zeigt zugleich, dass Golf für Menschen mit Behinderungen längst Leistungssport ist. Beim G4D Open 2026 im walisischen Celtic Manor traten 80 Spielerinnen und Spieler aus 25 Nationen an. Gespielt wurde in neun Sportklassen, die unterschiedliche Beeinträchtigungen in den Kategorien »Standing«, »Sitting«, »Visual« und »Intellectual« abbilden. Das Turnier wird von The R&A und der DP World Tour gemeinsam veranstaltet und von EDGA unterstützt.
Auch Deutschland ist sportlich keineswegs bedeutungslos. Jennifer Sräga gewann 2026 die Frauenwertung des G4D Open und setzte sich auf dem letzten Loch gegen die zweimalige Siegerin Daphne van Houten aus den Niederlanden durch. Im selben Sommer führte Sräga das deutsche Team bei der Europameisterschaft an. Wer über Deutschlands Defizite spricht, sollte deshalb präzise sein: Es fehlt nicht an international konkurrenzfähigen Athletinnen und Athleten. Der größere Rückstand liegt in Breite, Sichtbarkeit und der selbstverständlichen Verankerung inklusiver Angebote auf Golfanlagen.










