Golf-Ziel Sylt kämpft mit dem Mobilitäts-Problem

Wer am 14. Loch des Golfplatzes Budersand auf Sylt steht und Richtung Nordsee blickt, hat die Weite vor sich: Struppige Dünen, dahinter das schwarzblaue Meer. Im November muss man lang warten, bis ein Spaziergänger auf dem Weg zum Aussichtspunkt auftaucht, der entlang des Golfplatzes läuft. Jetzt, im Sommer, gibt es reichlich Spaziergänger und man ahnt: Genau wie all‘ die Golfer, die gerade ihre Runden drehen, sind auch sie über die Rantumer Straße hier vorgefahren. Anders geht es ja nicht. An die Spitze der Insel führt allein die eine Straße.

150.000 Touristen täglich im Sommer

„Das kann im Sommer dann schon mal sehr voll werden“, sagt Christian Matthiesen, Marketing-Experte, über diese Zufahrt zum Golfplatz, die der einzige Verbindungsweg zur Mitte der Insel ist. Er kennt die Strecke im Schlaf, weil das Resort Budersand einer seiner Kunden ist. 21,6 Kilometer sind es ganz genau vom GC Budersand bis zum GC Sylt bei Wenningstedt. Normale Fahrtzeit laut Google Maps 26 Minuten. Jetzt im Hochsommer, wenn gefühlt halb Deutschland hier ist, kann das auch über eine Stunde dauern.

Sylt ist vieles. Laut der gerade erschienenen Titelstory des Magazins Der Spiegel zum Beispiel „die Sandburg der Superreichen.“ Sylt ist „Mythos“ steht dann auch noch im Text. „Sylt ist wie ein Gemischtwarenladen“, sagt Moritz Luft, Geschäftsführer der Sylt Marketing GmbH. „Und deshalb kann ich Ihnen auch nicht genau sagen, ob die Leute zuerst einmal zum Radfahren kommen und dann auch golfen, oder ob sie eben nur golfen.“ Fest steht: Seit einiger Zeit – vor allem seit Beginn der Corona-Krise – gilt Sylt nun auch als Golf-Destination, weil sich auf der 99,14 km²großen Insel immerhin vier 18-Löcher-Golfplätze finden.

Golfplätze wahren das Landschaftsbild

Sylts Einwohner, sagt Luft, hätten erkannt, dass eben diese Golfplätze einen erheblichen Teil zur Wahrung der Ökologie und der Landschaft beitragen. Budersand, wo sich vor dem Golfplatz ein Kasernenareal befand und heute Dünenlandschaften zwischen den Golfbahnen das Bild prägen, hat diese Erkenntnis in den vergangenen Jahren reifen lassen, weil das Kasernenbild so manchem Sylter noch relativ präsent ist.

An anderer Stelle kämpft die Golf-Destination Sylt mit exakt dem gleichen Problem, das andere Tourismus-Segmente von Sylt betrifft: „Der Verkehr wird immer schlimmer“, sagt Roland Grüger, der von der Insel stammt, zwischendrin mal nicht hier lebte und dann in die Heimat wiederkam. Jetzt engagiert er sich im Marine Golf-Club, wirft einen Blick auf den Parkplatz, der einen wirklich kurzen Gehweg vom Clubhaus entfernt liegt und sagt: Viele beschweren sich, dass der Weg so weit ist. Viele Gäste der Insel, so seine Erkenntnis, wollten mit dem Auto idealerweise bis vor den ersten Abschlag fahren.

Der Golfer und das Mobilitätsproblem

„Die Golfer“, sagt Luft, „sind eine kleine Gruppe, aber sie sind ein fester Anker im Gästesegment.“ Sie sind allerdings fest verwoben mit dem Mobilitätsproblem, das die Insel an Sommerferientagen zu ersticken droht. Die Anzahl der Autos, die mit den Verladezügen auf die Insel rollen, wächst seit Jahren stetig. Auch deshalb, weil, so Christian Matthiesens Beobachtung, immer mehr Familienangehörige jeweils mit separaten Autos fahren, um auf der Insel flexibel zu bleiben. „Wenn eine Familie zu viert mit drei Autos auf die Insel kommt, ist das nicht ungewöhnlich.“

Zwischen Hörnum und Rantum wird auf der zweispurigen Straße aus der viel gepriesenen Flexibilität dann zwar oft ein einziges Stop-and-Go, aber eine Lösung für das Mobilitätsproblem tut sich kaum auf. Auch deshalb nicht, weil der Golfer nicht mit dem Fahrrad zum Club fährt, mit Trolley und Bag nicht im Bus sitzt und auch nur in den seltensten Fällen Nutzer der neuen App SyltRide sein dürfte, die ein RidePooling organisiert, bei dem ein Fahrer die Gäste für wenig Geld im Kleinbus aufsammelt und an ihr Ziel fährt.

„Wir müssen die Mobilität auf der Insel verbessern“, erkennt Luft deshalb an und fügt selbstkritisch hinzu: „Die Anforderungen sind deutlich höher als das, was wir an Verbesserungen hinbekommen.“ Vor allem bei digitalen Verkehrslösungen sei man hintendran. Ich sehe, dass andere Kommunen das agiler meistern als Sylt es tut.“

Overtourismus wird diskutiert

Der Naturraum Sylt, für den auch die vier Golfplätze auf der Insel stehen, hat seine Belastungsgrenzen. Die Diskussion um den sogenannten Overtourismus hat mit der Corona-Krise auf der Insel neue Fahrt gewonnen. Zum einen, weil die Bewohner der Insel während des Lockdowns die Gelegenheit hatten, eben diese Naturräume wieder selbst zu genießen. Zum anderen, weil Sylt als Modellregion sich als eine der ersten Destinationen wieder für Touristen öffnete und in der Folge bis in den Winter 2021 hinein überrannt wurde. Bis zu 150.000 Touristen täglich finden sich zu Hauptzeiten auf der Insel, auf der rund 18.000 Bewohner leben.

Ressourcen wie Wasser beobachten

„Wir müssen auch über unsere Ressourcen nachdenken und darüber, wie wir damit umgehen“, gibt Luft zu bedenken. „Noch ist zum Beispiel unsere Süßwasserlinse für die Wasserversorgung kein Problem, aber wir müssen das im Auge behalten.“ Die SMG arbeitet derzeit an einer nachhaltigen Dachmarke, unter der sie Produkte und Dienstleistungen bündeln will.

Golf, so stellt Luft fest, könnte hier durchaus ein Teilnehmer sein. Schon deshalb, weil sowohl im Marine GC, als auch im GC Sylt und im GC Budersand das Zertifikat Golf & Natur des Deutschen Golf Verbandes vorhanden sei. „Da wird ja erkennbar ein Standard vorgegeben.“ Das Mobilitätsproblem ist allerdings auch dort nicht gelöst. Dafür muss Sylt selbst eine Lösung finden.