Europas Gras der Zukunft: Wie sieht es aus?
Es ist Nachsaatzeit. Wer jetzt im Herbst über Europas Golfplätze geht, stellt mit Blick auf die Faiways fest: Der heiße und trockene Sommer, der Golf-Nationen wie England, Frankreich oder Deutschland ihre Grenzen im Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels aufzeigte, hat Spuren hinterlassen. Kahlstellen in großem Maße sind geschlitzt und nachgesät. Die Greenkeeper hoffen darauf, dass zumindest ein feuchter Herbst und ein moderater Winter dafür sorgen, dass die Spielbedingungen im nächsten Jahr wieder optimal sind.
Welches Saatgut wird ausgebracht?
Eine spannende Frage, weil auch bei der Saatgutwahl nichts mehr so ist wie vielleicht vor 15 Jahren. Das Klima in Europa hat sich verändert und damit haben sich je nach Region auch die Anforderungen an das Saatgut verändert. „Die letzten heißen und trockenen Sommer haben unsere Ansicht darüber, welche Grassorten auch in der Zukunft relevant sein werden”, nicht verändert, resümiert Anne Mette Dahl Jense, Managerin für Produktentwicklung im Bereich Rasen beim Saatguthersteller DLF. „Sie haben aber eine Diskussion über das Thema Anpassung an Hitze und Trockenheit vor allem in Europa angestoßen.”
Ganz neu ist diese Diskussion nicht. Saatguthersteller agieren ohnehin wie eine Art Prophet in der Branche. Nachdem es bis zu 20 Jahre von den ersten Anfängen der Entwicklung eines Saatguts bis zu dessen Implementierung im Markt dauern kann, gehört es zum Berufsbild der Saatgutentwickler die zukünftigen Bedürfnisse des Marktes frühzeitig zu erkennen. Mit der sogenannten Resilient Blue Technologie hat zum Beispiel der Hersteller Barenbrug bereits 2020 eine hitzen- und trockenheitstolerante Saattechonologie auf den Markt gebracht. Auch bei DLF spielen die Punkte Wassersparen und Hitzetoleranz seit Jahren eine wichtige Rolle.
Fescue oder Bermudagras?
Fescue und Bermuda – das sind die zwei Fachbegriffe, die einem Laien auffallen, wenn er mit Greenkeepern oder Rasenexperten über die Lösung beim Thema Hitze und Trockenheit spricht. Die Saatguthersteller selbst haben hier einen deutlich differenzierteren Blick auf die Lage Ein deutlicher Trend ist dabei das stark steigende Interesse an Festuca arundinacea, einer Art, die historisch vor allem in den wärmeren Regionen Südeuropas eingesetzt wurde, nun aber aufgrund ihrer Kombination aus Trocken- und Hitzetoleranz sowie tiefen Wurzelstrukturen vermehrt im mittleren und nördlichen Europa nachgefragt wird.
Olaf Bos, Technischer Spezialist für Rasen bei Barenbrug, und Jansen sind sich einig, dass bestimmte Fescue-Arten, also Schwingelgräser, auf Grund ihres geringen Wasserverbrauchs und ihrer tiefen Verwurzelung auch bei Trockenheit gut überleben. Allerdings verweisen beide darauf, dass eine strikte Unterscheidung zwischen Trockenheitstoleranz und Hitzetoleranz wichtig ist. Während Fescue-Gräser sehr effizient mit Wasser umgehen, ist Hitzetoleranz meist nicht ihre Stärke „Warm-Season Gräser sind im Kommen“, stellt Olaf Bos fest. Der Blick der Kunden richte sich zum Teil auf Golfplätze in Asien oder Afrika, wo Hitze an der Tagesordnung sei.
„Arten aus Asien oder tropischen Regionen haben meiner Meinung nach geringere Erfolgsaussichten als Arten, die eher afrikanischen Ursprungs sind“, grenzt er aber ein. Natürlich, das Marketing von Vertriebsfirmen im Umfeld von Golfanlagen erzeuge oftmals einen großen Hype um bestimmte Arten oder Technologien. „Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sie sich unter europäischen Bedingungen langfristig auch gut bewähren werden.“
Bei der Verwendung von Bermudagras in Mitteleuropa gibt es dagegen erste stichhaltige Argumente, die für das Überleben von Bermuda sprechen, obwohl es bis dato eher in Regionen wie Florida, South Carolina oder dem arabischen Raum genutzt wurde. „Es gibt zunehmend Anzeichen dafür, dass diese Art auch in Teilen Mitteleuropas an Bedeutung gewinnt“, fasst Jansen die aktuellen Entwicklungen zusammen. „Es gibt Beobachtungen, wonach sich Bermudagras in einigen Gebieten ansiedelt, und mehrere Sportanlagen außerhalb Südeuropas prüfen bereits dessen Potenzial.“
Wo liegt der Forschungsschwerpunkt?
Ohnehin ist das Anforderungsprofil an Gräser komplexer als es auf den ersten Blick scheint. Neben den Herausforderungen Hitze und Trockenheit ist auch die Widerstandskraft gegen Krankheiten wichtig. Und: Das Gras muss dem Kunden auch noch gefallen. Dazu gehören auch Faktoren wie eine bestimmte Farbgebung, die als besonders positiv empfunden wird. Letztendlich spielt aber auch die Belastbarkeit der Gräser eine wichtige Rolle. Sportrasen auf Fußball- oder Cricketplätzen ist besonders hoher Beanspruchung ausgesetzt. Auch auf dem Golfplatz gibt es Zonen – stark benutzte Gehbereiche zum Beispiel – die viel aushalten müssen.
Wenn über neues Saatgut gesprochen wird, sind die Entwicklungsziele je nach Region in Europa also unterschiedlich. In Südeuropa geht es bei DLF um maximale Hitzebeständigkeit, hohe Wassernutzungseffizienz, minimierte Bewässerungsmengen und ausgeprägte Salztoleranz. In Nordeuropa stehen dagegen Winterhärte, Ausdauer, Trockentoleranz bei Sommerdürren sowie Nährstoff- und Wassereffizienz im Mittelpunkt.
Die Region entscheidet
Wer sich für seine Golfanlage neu orientiert, muss ohnehin in erster Linie regional denken. Olaf Bos rät daher dringend davon ab, Trends und Marketing-Aussagen blind zu vertrauen. Auch das einfache Nachfragen beim Greenkeeper im Nachbarort ist keine fundierte Herangehensweise. „Die wirklichen Lösungen für Hitze- und Trockenheitstoleranz liegen oft eher auf der Ebene der Sorten als auf der Ebene der Arten.“ Das bedeutet : Innerhalb einer Art gibt es eine Vielzahl von verschiedenen ausgebildeten Sorten, die sich regional besser oder schlechter eignen.
Testfelder auf Golfplätzen sind deshalb wichtig. Sie verhindern, dass man im großen Stil Saatgut für eine Anlage kauft und im Nachhinein feststellt, dass es den regionalen Anforderungen nicht entspricht. Viel sinnvoller ist es, vor allem wenn man einen generellen Richtungswechsel plant, mehre Sorten auf Teststücken zu vergleichen und sich erst dann für eine Variante zu entscheiden, die dann auf großen Flächen eingesät wird.
Schnelle Antworten werden gesucht
Angesichts der deutlichen klimatischen Veränderungen der vergangenen Jahre erwartet so mancher Golfplatzbetreiber die schnelle Wunderlösung vom Saatgutanbieter. Die aber gibt es nicht. Vielmehr ist das Thema Saatgut ein Fall für Menschen mit viel Geduld, egal wie schnell sich das Klima ändert. Zwar werden grundsätzlich auch hier fortschrittlichere Zuchtwerkzeuge und präzisere Screening-Prozesse angewandt, an der Tatsache, dass ein „Züchtungsprozess von der ersten Kreuzung zweier Elternpflanzen bis zur kommerziellen Markteinführung einer Sorte unverändert etwa 16 Jahre in Anspruch nimmt“, ändert das laut Bos aber nichts. Dieser Zeitrahmen gilt übrigens mehr oder minder für die gesamte Branche der Saatgutzüchter.
Gesucht wird schließlich Saatgut, das nach seiner Markteinführung wieder über Jahrzehnte funktioniert. Schließlich bleibt es auch über Jahre im Boden eines Golfplatzes. Man sieht – so klein und unauffällig die einzelnen Saatkörner auch sein mögen, so komplex ist ihre Entwicklung. Und so entscheidend ist die richtige Wahl für den Golfplatz. Der falsche Griff nämlich kann mehr Krankheiten, höheren Wasserverbrauch und noch mehr Kahlstellen bedeuten. Wer will das schon.
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Foto: Petra Himmel