Raus in die Natur: Die große Stärke des Golfsports

Raus ins Grüne – in Zeiten des Lockdowns zieht es die Menschen in die Natur. Doch so auffällig der Trend gerade während der Corona-Krise ist – schon seit einigen Jahren liegen Outdoor-Aktivitäten zunehmend im Trend – selbst wenn sie so spezielle Formen wie das „Waldbaden“ betreffen. Golf ist ein Sport, der in der Natur entstanden ist und – sieht man mal von Driving Ranges in Innenstädten oder Kurzplätzen in Stadtzentren ab – im Grünen gespielt wird.

Warum zieht uns die Natur immer mehr an – und was bedeutet das für die Sportart Golf? Fragen, die wir der Sportpsychologin Eva Pfaff aus Königstein bei Frankfurt gestellt haben. Die ehemalige Weltklasse-Tennisspielerin hat inzwischen selbst den Golfsport für sich entdeckt.

Welchen Einfluss hat der Eintritt in die Natur auf den Golfer?

Pfaff: Generell hat der Mensch fünf Sinne, mit denen er die Umwelt wahrnimmt. Er schmeckt, er riecht, er fühlt, er sieht, er hört. Mit diesen Sinnen erlebt er und verarbeitet das, was auf ihn einwirkt. Der Eintritt in die Natur ist insgesamt auf jeden Fall beruhigend, weil viel weniger Reize auf den Menschen eintreffen als in seiner normalen Umgebung – außer diese wäre extrem ländlich. Auf dem Golfplatz stößt man auf Geräusche der Natur, auf Pflanzen, die wachsen. Alle Prozesse laufen in einer vergleichsweise niedrigen Geschwindigkeit, einer natürlichen Geschwindigkeit ab.

Kann man Golf deshalb auch therapeutisch einsetzen, zum Beispiel gegen extremen Stress oder Burnout?

Pfaff: Ja, das kann man. Wobei man immer berücksichtigen muss, mit welcher Persönlichkeit man zu tun hat. Wie fasst eine Person etwas auf, was nimmt sie mit und wie fühlt sie? Nehmen wir zum Beispiel jemanden, der weitgehend in der Stadt lebt und dort arbeitet. Kommt er in eine natürliche Umgebung wie den Golfplatz, wirkt das auf ihn wie Nichts.

Wie lässt sich hier der Erfolg der Therapie feststellen?

Pfaff: Der Mensch wird im Grünen automatisch geerdet. Wenn ein Golfer merkt, dass ihm die Bewegung in der Natur gut tut, dann macht er das auch öfter, weil er im Unterbewußtsein den positiven Effekt spürt.

Auf der einen Seite sprechen wir hier von der Ruhe der Natur – anderseits ist Golf als Sport aber auch immer mit Faktoren wie Leistung oder auch Erfolgs- Stress verbunden. Wie passt das zusammen?

Pfaff: Ich denke, man muss unterscheiden, zwischen einem Golfer, der ein bestimmtes Ergebnis anvisiert oder generell auf einem hohen Niveau spielt und einem Golfer, der einfach nur Spaß und Erholung sucht. Wer Leistung bringen will, konzentriert sich zuerst einmal darauf. Für den ist der Baum im Weg, eben ein Hindernis. In diesem Fall ist die Natur ein Setting, innerhalb dessen man die sportliche Leistung abruft und ein Ziel verfolgt. Dann fällt auf die Natur weniger Aufmerksamkeit.

In dem Fall wäre der Golfplatz ein Sportplatz wie ein Tenniscourt….

Pfaff: Selbst bei einem sehr sportlichen Verständnis ist Golf komplett anders. Auf dem Tennisplatz erlebt man im Match eher das Gefühl einer Schlacht. Eine andere Person macht ständig etwas mit mir. Die Atmosphäre ist die von Durchkämpfen, Du rennst, Du rutschst und Du schwitzt. Auf dem Golfplatz herrscht generell viel mehr Ruhe. Die Atmosphäre ist eine komplett andere.

Ist es für Kinder und Jugendliche der heutigen Zeit womöglich sogar zu ruhig?

Pfaff: Ja. Es ist überzeichnet gesagt langweilig. Weil der Golfplatz im Grünen auf ein Kind, das aus seinem normalen modernen Umfeld kommt, extrem ruhig wirkt. Dieses Nicht-Vorhandensein von (elektronischen) Reizen ist erst einmal sehr ungewohnt. Hier kommt es darauf an, die Aufmerksamkeit eines Kindes zu lenken. Natur kann man auch Kindern gut nahebringen, dann wird sie auch interessant.

Die Ex-Weltklassetennisspielerin Eva Pfaff ist inzwischen als Sportpsychologin aktiv und arbeitet viel im Coaching mit Spitzensportlern

Wie kann man eine bessere Wahrnehmung der natürlichen Umgebung – auch bei Erwachsenen – schulen?

Pfaff: Manchen Menschen ist das Gefühl für Natur inzwischen völlig abhanden gekommen. Solche Klienten weise ich auf dem Golfplatz auf bestimmte Sachen direkt hin: Geräusche von Tieren, die Bewegung des Bodens. Ich stelle dann immer wieder fest, dass Golfer, die ansonsten vielleicht nur an den Score denken, in Wartezeiten zunehmend ein Bewusstsein für Vorgänge in der Natur entwickeln.

Lenkt Natur nicht von der Konzentration auf den Sport ab, oder beeinflusst sie das Ergebnis sogar negativ?

Pfaff: Sie kann durchaus positive Konsequenzen haben, wenn man die Aufmerksamkeit gezielt lenkt. Die Registrierung der natürlichen Umgebung kann z.B. ein entspannendes Element während des Sports sein. Auch Spitzensportler suchen solche Methoden immer wieder, wobei sich jeder Sportler hier individuell sein passendes Programm schneidert. Es gibt Profis, die zwischen den Schlägen oder bei Wartezeiten mit ihrem Caddy reden, andere suchen eine andere mentale Entspannung – vielleicht, in der Natur ihrer Umgebung.

Inwieweit verstärkt die momentane Krise die Bereitschaft sich mit der Natur auseinanderzusetzen?

Pfaff: Gerade in dieser Phase des Lockdowns bewegen sich ja auch immer mehr Menschen täglich im Grünen, weil das moderne Leben nicht mehr in dem Maß stattfindet wie vorher.  Für Aktivitäten, die in der Natur stattfinden, ist das – Golf eingeschlossen – eine Riesenchance.

Inwieweit ist dieser Faktor „Natur erleben“ auch als ein Faktor der Gesundheit in der Kommunikation des Golfsports schon präsent?

Pfaff: Aus meiner Sicht zu wenig. Ich glaube nicht, dass ausreichend vermittelt wird, dass dies die große Stärke des Golfsports ist. Eigentlich ist das eine unheimliche Macht, die der Sport hat. Man muss sie eben nur vermitteln.