Pestizid-Bann stellt Europas Golfszene auf die Probe

Es wird ernst. Oder zumindest kompliziert. Europas Golfer müssen sich eventuell auf die schlechtere Qualität ihrer Plätze einstellen sowie auf höhere Kosten im Bereich des Greenkeepings. Der Hintergrund: Die EU hat im Juni einen Vorschlag zur Reduzierung der Verwendung und des Risikos von Pestiziden vorgelegt, der auch für Golfplätze ab 2024 gelten soll. Inhalt des Vorschlags ist das Komplettverbot der Pestizide in sensiblen Bereichen, zu denen öffentliche Parks, Gärten, Spielplätze, öffentliche Wege und eben auch Golfplätze zählen sollen. Seitdem rumort es in der Golfszene.

Schulterschluss der Verbände

Dabei ähneln sich die Aussagen von Experten, Verbandsvorsitzenden und Greenkeepern vor allem in einem Punkt: „Im Moment hat der europäische Golf Sektor nicht alle nicht-chemischen Lösungen zur Hand, um die Herausforderungen zu meistern, die sich dem Sport durch ein Komplettverbot ergeben“, stellen die European Golf Association und der R&A in einem gemeinsamen Statement an die EU-Kommissarin Stella Kyriakides für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit fest.

Seit Jahren Reduzierung der Chemie

Was bedeutet das in der Praxis und auf dem Golfplatz? Sollte ein komplettes EU-Pestizidverbot kommen, müssten Greenkeeper zum Beispiel Pilzerkrankungen auf Grüns oder Fairways, Larven oder Käfer in den Fairways entweder durch systematische Vorarbeit soweit wie möglich vermeiden oder ohne jeden Pestizideinsatz bekämpfen. Schon jetzt, so die Argumentation des europaweiten Dachverbandes der Greenkeeper FEGGA würden die Pestizide nur noch sehr gezielt, selten und dosiert eingesetzt. „Seit 2009 ist der Golfsport einer der Vorreiter in einer umweltgerechten Vorgehensweise“, stellt Dean Cleaver als Generalsekretär fest.

Was tun mit schwarzen Schafen?

Trotzdem kämpft man innerhalb der Golfszene mit einem Problem, das man auch aus anderen Bereichen der Europäischen Union kennt: Auf der einen Seite gibt es Länder wie die Niederlande, die sich in einem sogenannten Green Deal auf einen nahezu kompletten Pestizidverbot eingelassen haben, oder zum Beispiel Dänemark, das mit Hilfe digitaler Systeme den Pestizideinsatz genau kontrolliert, reguliert und jährlich verringert.  Auf der anderen Seite gibt es aber auch Staaten, die es offenbar mit dem Pestizideinsatz nicht so genau nehmen. Hinter vorgehaltener Hand und mit dem Hinweis doch bitte nicht zitiert zu werden, hört man von Greenkeepern in Führungspositionen, dass Pestizide in Tschechien oder Ungarn doch jederzeit problemlos gekauft werden können, um dann zum Beispiel auf stark belasteten Plätzen in Tourismusregionen eingesetzt zu werden.

Wie wird kontrolliert?

Tatsächlich gibt es Golfregionen wie Spanien, die stark von der Tourismusindustrie abhängen und deshalb die Notwendigkeit einer hohen Pflegequalität im Segment Golf betonen. Strafzahlungen werden hier offenbar teilweise in Kauf genommen, um im Wettbewerb um den Greenfeespieler die Nase vorn zu haben. Kontrolliert wird in den EU-Staaten von staatlicher Seite unterschiedlich oft, die Strafen sind unterschiedlich hoch. Platzsperrungen sind nicht bekannt. Aber vereinfacht geht es am Ende eben auch um die Frage, ob sich Golfanlagen, die sich nicht auf einem umweltfreundlichen Weg befinden, eine Strafe von 1000 Euro oder 50.000 Euro leisten wollen. Hier sind die Schmerzgrenzen eben unterschiedlich.

Sollten die Einsprüche der diversen Golf-Verbände Erfolg haben und die „Flexibilität in der Anwendung der Pestizide“ erreicht werden, wie sie EGA und R&A fordern, werden die Beschränkungen trotzdem auf Dauer wachsen und die Herausforderungen größer: „Wir sprechen hier von einer Situation, in der wir gleichzeitig mit Arbeitskräftemangel bei Greenkeepern und höheren Preisen für Produkte kämpfen“, gibt Dean Cleaver zu bedenken.

Information der Golfer entscheidend

Der Däne Torben Kastrup Petersen, im dänischen Verband für die Agronomie zuständig, kann aus erster Hand berichten, welche Folgen das Arbeiten ganz ohne Pestizide hat. Zehn Prozent aller dänischen Golfanlagen sind bereits pestizidfrei. Anhand von Umfragen hat der dänische Verband die Zufriedenheit von Golfern mit der Platzqualität abgeklärt. „Wir haben massiv in Ausbildung der Greenkeeper, Rasenforschung und die Information der Golfer investiert“, stellt er fest. „Grundsätzlich haben wir auf den Plätzen eine Zunahme an Unkräutern gesehen. Trotzdem war der Großteil der Golfer nicht unglücklich. Nur die besseren Spieler beschweren sich eher über die geringere Qualität.“ Generell, so die Aussage der Dänen, sei man aber relativ gut auf neue EU-Regeln vorbereitet.

„Wichtig wäre es, nun massiv in die Rasenforschung zu investieren und einen Sinneswandel beim Golfer zu erreichen“, resümiert Andreas Leutgeb als Präsident des Österreichischen Greenkeeper- Verbandes. In Österreich hat man sowohl mit stark touristischen Regionen zu tun, gleichzeitig aber auch Gegenden, in denen die Auswirkungen des Klimawandels immer massiver werden. „Wenn es zuerst einen Starkregen gibt und dann die Sonne bei 35 Grad Hitze auf den feuchten Rasen knallt, ist der Krankheitsdruck eben groß“, bringt er ein Beispiel. „Die Arbeit wird eindeutig schwieriger“, da ist sich Leutgeb sicher.

Langfristig nachhaltig planen und pflegen

Wie schwierig weiß Andreas Matzner, Superintendent im GC Starnberg bei München, der diverse Golfanlagen berät und seit Jahren weitgehend ohne Pestizideinsatz arbeitet. „Tatsache ist, dass der Pestizideinsatz und die Abhängigkeit von der Industrie, die wir vor 20 Jahren hatten, heute zum Glück nicht mehr aktuell ist.“ Er stellt fest, dass sich auch immer mehr junge Greenkeeper mit einem nachhaltigen Greenkeeping auseinandersetzen. „Auf den Golfanlagen muss man sich auf ein jahrelanges konstantes Nachsaatprogramm mit robusten Gräsern einstellen, um den Anteil von POA Annua im Grün und den Krankheitsdruck zu reduzieren“, stellt er fest. Einem starken Qualitätsverlust kann ein Greenkeeper entgegentreten, wenn er ein individuell auf seinen Platz abgestimmtes Programm über Jahre mit System führt und das nötige Wissen mitbringt. „Dann ist ein guter Qualitäts-Standard noch machbar“, erklärt er.

Sein Kollege Jan Andreas, Superintendent mit Studium in Kanada und für die deutsche Top-Anlage Frankfurter GC zuständig, verweist ebenfalls auf „ganz viele kleine Dinge, die zusammenpassen müssen. Da muss man Wasser haben, die Drainagen müssen passen, Top-Dressing ist wichtig, Windbewegung muss her und, und, und. Eigentlich muss man vorausschauend jedes Problem vermeiden und die Probleme, wenn sie denn auftauchen, an der Wurzel packen, statt sie kurzfristig zu lösen.“ Im Frankfurter GC haben Mitglieder in diesem Jahr deshalb auch in einer Aktion Gänseblümchen per Hand ausgestochen.

Wenn der Europäer in Dubai golft

Der Vergleich mit Golfländern außerhalb der EU allerdings wird zunehmend schwieriger. In den Vereinigten Arabischen Emiraten, Asien oder den USA sind komplette Pestizid-Verbote noch kein Thema. Die drei britischen Golfverbände England Golf, Scottish Golf und Wales Golf aber haben sich hinter die Position von EGA und R&A gestellt und betonen. „Alle drei Verbänden unterstützen und informieren über die Reduzierung und Minimierung sowie letztlich über den Übergang zu natürlichen Optionen oder dem kompletten Verzicht auf Pestizide, was deren Nachhaltigkeits-Pläne dokumentieren“, heißt es in der Stellungnahme. Trotzdem sehen auch sie die Risiken, die ein sofortiges Pestizid-Verbot bringt  entsprechend der EGA: Weniger Golfspieler, Verlust von Arbeitsplätzen, die Schließung von Golfplätzen und Gesundheitsrisiken durch weniger Golfsport werden angeführt.

Was diese Argumente bei der EU bewirken, wird sich zeigen. Die Lobbyarbeit im EU-Parlament hat längst begonnen, um eine Aufweichung des Pestizid-Banns zu bewirken. Dies ändert aber nichts daran, dass die Aufgaben der Golfszene immens sind: Rasenforschung, bessere Greenkeeper-Ausbildung und die Information der Golfer sind Themen, die akut anfallen. Der Golfer selbst wird sich in den kommenden Jahren verstärkt an den Anblick von Gänseblümchen, Klee oder Löwenzahn auf den Fairways gewöhnen müssen.