Luxus bedeutet für mich Authentizität

Meike Bambach, ausgezeichnet als Schweizer Hotelière des Jahres 2019, kennt die Spitzen-Hotellerie perfekt. Sie hat im Beverly Hills Hotel in Los Angeles gearbeitet, war in Hongkong und im Hamburger Louis C. Jacob. Seit mehr als zehn Jahren hat es sie in die Schweizer Berge verschlagen – im kleinen 5-Sterne-Hotel Paradies im Ort Ftan mit nur rund 500 Einwohnern hat sie ein neues, nachhaltiges Konzept von Spitzen-Hotellerie entwickelt, das inzwischen auch immer mehr Golfer anlockt, die auf den Plätzen von Zuoz und Vulpera spielen.

Ist das Thema Nachhaltigkeit in der Spitzenhotellerie angekommen?

Bambach: Dass wir uns um Nachhaltigkeit kümmern müssen, ist ja inzwischen unstrittig. Früher hieß es immer Luxus ist gleich Fülle. Von je weiter weg der Fisch kam, desto besser war er. Luxus wurde gleichgesetzt mit Mineralwasser aus Fiji, das man dann in Hannover trank. Das hat sich ganz deutlich verändert. Das Oberflächliche, Banale wollen die Menschen einfach nicht mehr haben. Deshalb legt man auch in der Hotellerie den Fokus auf andere Bereiche. Heute ist es zum Beispiel ein Luxus, einen eigenen Brunnen zu haben. Der Aspekt „zurück zu den Wurzeln“ und das authentische Erlebnis werden mit Nachhaltigkeit gleichgesetzt.

Ist die Umsetzung von Nachhaltigkeit in der Hotellerie sehr kostenintensiv oder spart sie vielleicht sogar Kosten?

Nachhaltigkeit kann Kosten sparen. Sie betrifft ja zum Beispiel auch das Thema Wegwerfen. Im Hotelrestaurant gibt es das Beispiel mit dem Brot. Einerseits stellt man jedem Gast automatisch einen Brotkorb auf den Tisch – andererseits haben viele Gäste Gewichtsprobleme, Kohlenhydrate sind nicht mehr angesagt. Nachhaltig wäre es, den Gast zu fragen, ob er überhaupt Brot will. Die meisten Hotels können ihren Brotverbrauch um 70 Prozent reduzieren, weil die Gäste eigentlich gar nicht so viel Brot wollen. Es ist also auch im Hotelbetrieb wichtig, von Verhaltensmustern abzuweichen und neue Dinge auszuprobieren.

Fällt die Umsetzung von Nachhaltigkeitskonzepten in einem Hotel leichter, das mitten in der Natur liegt, oder geht das in einem Stadthotel genauso einfach?

Es ist natürlich einfacher, wenn man wie bei uns in Ftan den Salat vor der Haustür pflücken kann als wenn man in einem Stadthotel in Frankfurt essbare Kräuter oder Blüten besorgen muss. Das ist viel aufwändiger. Unabhängig vom Ort ist es für mich aber immer wichtig gewesen, es Menschen mit emotionalen Aspekten schön zu machen. Das fällt leichter, wenn die Menschen dafür empfänglicher sind. Man kann inzwischen feststellen, dass dieser Aspekt vielen Reisenden viel wichtiger geworden ist als die vierte Lichtsteuerung im Zimmer oder ein vergoldeter Löffel.

Mit dem Paradis in Ftan sind Sie einen völlig neuen Weg gegangen und haben sich vom klassischen Buchungs- und Bezahlsystem abgewandt und zu einem Private-Club-Modell gewechselt. Warum?

Die Herausforderung bestand einfach darin, für so ein kleines Haus wie das Paradies eine sichere finanzielle Zukunft zu gestalten. Als Hotel mit 23 Zimmern ist man gefährdet, weil man nicht genügend Volumen produziert, um betriebswirtschaftlich relevant zu sein. Auf der anderen Seite ist der Aspekt „teuer“ schwer zu verkaufen, wenn man letztendlich wie wir quasi am Ende der Welt in einem wenig erschlossenen Gebiet ansässig ist. Da ist der Markt schwer zu erreichen, man muss extrem viel Geld für Marketing und Kommunikation ausgeben.

Was ist Luxus, wenn man ihn nicht in Form eines großen Spas, technischer Details oder anderen ausgefallenen Details sehen kann?

Luxus bedeutet für mich Authentizität und für den Gast die Möglichkeit, sich frei ohne jegliche Vorschriften bewegen können. Das ist aus unserer Sicht ein Riesenmehrwert und beginnt einfach damit, dass es zum Beispiel keine Frühstückszeiten gibt. Freie Wahl ist eine große Form von Luxus.

Wer nach Ftan kommt, erlebt erst einmal nur Natur. Können Gäste sofort damit umgehen, dass es nur Ruhe gibt?

Es gibt in der Tat Menschen, die sich mit der Abgeschiedenheit, der Abwesenheit von Reizen und der völlig natürlichen Umgebung schwer tun. Viele Menschen sind sehr angespannt und gestresst. Das Schlichte und Unaufgeregte bringt die Menschen dann aber relativ schnell runter. Bei der Gelegenheit stellen wir übrigens auch immer wieder fest, dass die Gäste immer dann, wenn sie keinen Druck und keinen Zwang haben, gerne bereit sind sich freiwillig anzupassen.

Zu nachhaltiger Hotellerie gehört auch die Diskussion um schlecht bezahltes Saisonpersonal – wie gehen Sie damit um?

Das ist international sehr unterschiedlich. In der Schweiz gibt es Tarifverträge mit Löhnen, von denen man auch bei höheren Lebenshaltungskosten leben kann. Trotzdem ist man in der Hotellerie abhängig von Saisonkräften. Das lässt sich auch in der Schweiz nicht ändern, weil die Schweizer selbst selten als Saisonkräfte arbeiten wollen. Hier wird zum Beispiel viel mit Portugiesen gearbeitet.

Hat die Luxushotellerie das Thema Nachhaltigkeit durch die Corona-Krise verstärkt für sich entdeckt?

Ich bin da relativ skeptisch. Persönlich lehne ich das Dumping-Preis-Modell strikt ab, weil eine gewisse Leistung einen gewissen Wert hat. Wenn dieser Wert nicht geschätzt wird, und der Kunde das Produkt billiger haben will, funktioniert das auf Dauer betriebswirtschaftlich nicht. Hinzu kommt, dass in der Hotellerie die Margen zum Teil extrem schmal sind und wir außerdem oft den Fehler machen, unsere Leistung unter Wert anzubieten.

Muss sich der Gast Nachhaltigkeit im Urlaub also leisten können?

Das Verständnis für die Kosten eines Produkts hat aus meiner Sicht wenig mit dem eigenen Vermögen zu tun, sondern einfach mit dem Verständnis des Nachhaltigkeitsaspektes. Es stellt sich einfach die Frage, ob ich ein preisgünstiges Stück Lamm essen muss, das vorher um die halbe Welt geflogen ist, oder ob ich weniger häufig Lamm esse und dafür ein Stück heimisches Lamm esse, das mehr kostet, aber meiner Umwelt nicht schadet. Es gibt Gäste, die erkennen, dass sie ihrer Umwelt nicht schaden wollen, aber es gibt eben auch Gäste, die lieber daran sparen und dafür häufiger in Urlaub fragen. Das ist dann am Ende eine Frage der Eigenverantwortung.