Die Idylle trügt: Während der Zürichsee glasklar in der Sonne blinkt und die Golfer in der Schweizer Hauptstadt bei perfektem Wetter zu ihren ersten Runden der Saison aufbrechen, herrscht hinter den Kulissen der Golfbranche Aufregung. Zum 1. Januar 2027 ist der Einsatz von Pestiziden gesetzlich extrem limitiert. Herbizide sind bis auf winzige Ausnahmen verboten, Fungizide deutlich dezimiert. Stoffe, die in der Schweiz noch erlaubt, in der EU aber bereits verboten waren, fallen nun ebenfalls weg. Und: Es gelten verschärfte Abstandsregeln zu Wohngebäuden, deren Anwohner teilweise Anspruch auf Einsicht der digitalen Spritzprotokolle haben.
Die Reaktion der Schweizer Golfbranche reicht von professioneller Gelassenheit bis zu „großer Unruhe“ wie es Etienne Marclay, im Präsidium des Verbandes Swiss Golf für das Thema Nachhaltigkeit zuständig, beschreibt. Der Grund: Greenkeeper und Betreiber von Golfanlagen befürchten, ohne den Einsatz von Pestiziden nicht mehr die gewohnte Qualität auf den Golfplätzen bieten zu können. Lukas Andreossi Präsident des Schweizer Greenkeeper-Verbandes, formuliert es so: „Wir alle arbeiten nach dem integrierten Pflanzenschutz und probieren solange es geht ohne Fungizide auszukommen. Jedoch gibt es noch keine passenden alternativen Produkte oder die Umstellung auf resistentere Gräser braucht noch Zeit. Die Greenkeepingszene der Schweiz probiert derzeit verschiedene Strategien aus, ist international vernetzt und im Austausch. Jedoch sind wir noch nicht am Punkt, um ohne Pflanzenschutzmittel eine anständige Qualität zu gewährleisten.“
Wieso die Unruhe erst jetzt auftritt, ist unklar. Das zuständige Schweizer Bundesamt verweist auf die Tatsache, dass der Beschluss des Bundesrates zu dem Thema bereits vom 13. April 2022 stammt. Unter der Bezeichnung „Inkrafttreten der Massnahmen für eine nachhaltigere Landwirtschaft“ finden sich auch die Änderungen der Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung. Und genau hier liegt der Knackpunkt: Golfplätze werden dort als „Flächen, die für die breite Öffentlichkeit bestimmt sind“, bezeichnet. Damit gelten sie als sensible Bereiche, die einen höheren Gesundheitsschutz erfordern.
Swiss Golf: Ausstieg bis 2030
Grundsätzlich waren die neuen Bestimmungen also seit 2022 klar. Ohnehin hatte der Verband Swiss Golf bereits 2018 in seiner Nachhaltigkeitsstragie einen Ausstieg aus der Verwendung synthetischer Pestizide Ziel für das Jahr 2030 festgelegt. Für Golfplätze war damit bereits seit acht Jahren klar: Eine Transformation der Branche ist zwingend erforderlich, die Umsetzung auf den Plätzen nötig. „Manche Plätze haben sich kontinuierlich vorbereitet“, resümiert der Rasenexperte Dr. Dirk Kauter, der aber auch die größte Problematik der Golfbranche kennt. Die Pilzkrankheit Dolllarspot, international eines der Top-Themen in Sachen Greenkeeping, ist auch auf Schweizer Plätzen eine zunehmende Bedrohung.
Zusammen mit dem R&A und Swiss Golf hat er eine Studie zu Chancen der Dollarspotbekämpfung erstellt. Das Ergebnis war ernüchternd: „Die Golfplätze müssen die vorbeugenden Maßnahmen betonen, damit sie den Dollarspot kontrollieren können.“ Ein wirkungsvolles nicht-chemisches Mittel zur Bekämpfung von akutem Dollarspotbefall liegt demnach nicht vor. Vor allem jene Golfanlagen, die nach wie vor mit hohem Poa-Anteil in den Grün, hoher Düngung und Bewässerung arbeiten, dürften zunehmend Qualitätsprobleme bekommen.
Damit zeigt sich am Beispiel der Schweiz erneut das komplette Dilemma der Golfbranche: Das Thema Pflanzenschutzmittel beachten viele Betreiber und Golfplatzverantwortliche erst dann, wenn eine verpflichtende rechtliche Verordnung akut wird.
Golf-Nationen wie Dänemark oder Frankreich haben nach entsprechenden Gesetzen, die von einem Komplettverbot ausgingen, durch verantwortliches Handeln Übergangsfristen und Ausnahmegenehmigungen mit Bundesbehörden verhandelt. Dazu allerdings war die Transparenz der Golfindustrie mit einer Dokumentation durch Daten notwendig. Diese liegen in der Schweizer Golfindustrie – wie übrigens in den meisten anderen europäischen Staaten – nicht gesammelt vor. In einer Arbeitsgruppe diskutieren Vertreter von Swiss Golf, dem Greenkeeper Verband und der Industrie nun die Erstellung einer digitalen Plattform, die eine Datensammlung und damit mehr Transparenz gegenüber den Behörden erlaubt.
Dem Golfer vor Ort sind derlei bürokratische Debatten erst einmal egal. Für ihn sind vor allem zwei Dinge wichtig: Die Qualität des Platzes und seine eigene Gesundheit, die zum Beispiel dann betroffen ist, wenn Bälle mit Grünflächen in Berührung kommen, die kurz vorher mit Pestiziden behandelt worden sind.
Auf Golfanlagen, die sich seit Längerem auf eine geringere Verwendung von Pestiziden konzentrieren, dürften die Konsequenzen des Bundesratsbeschlusses ab Januar 2027 weniger massiv sein. „Wir haben uns darauf bereits seit längerem vorbereitet“, erklärt Simon Doyle, Vice-Präsident für Agronomie bei Troon, dem weltweit größten Dienstleister für Golfplatzpflege. Er ist in der Schweiz unter anderem für die Migros-Plätze verantwortlich. „Erforderlich ist ein höheres Maß an Präzision in der Agronomie, unterstützt von Investitionen in die Infrastruktur und einer Entwicklung von täglichen Standard-Praktiken.“ Der erfahrene Agronom sieht deshalb durchaus auch Chancen für die Schweizer Golf-Industrie „Die Schweizer Golfplätze arbeiten ja bereits auf einem hohen Standard. Dieser Übergang wird zum einen die Innovation weiter fördern und zum anderen den Fokus auf Details, wenn es darum geht, wie die Oberfläche vorbereitet und geschützt wird.“
Neun Monate bleiben den Schweizer Golfanlagen noch, um sich auf die neuen Pflanzenschutzbestimmungen vorzubereiten. Für jene, die bereits seit dem Gesetzesbeschluss aus dem Jahr 2022 damit beschäftigt sind, ist es wahrscheinlich kein Problem. Für alle anderen, die erst seit kurzem über die Thematik nachdenken, dürfte speziell Dollarspot eine echte Bedrohung sein.







Fotos: Elin Foyle