Bermudagräser in Venetien – „verrückt“ haben viele Greenkeeper und Golfclubbetreiber diese Idee des italienischen Agronomen Alessandro de Luca anfangs genannt. Es war das Jahr 2004 und in Montecchia, einer kleinen Stadt unweit der weltbekannten Themen von Abano Therme hatte 2003 genauso wie in großen Teilen Italiens eine Dürre gewütet. „Ein Großteil der Golfplätze sah schlimm aus“, erinnert sich de Luca heute. Grüns und Fairways, weitgehend mit Bentgräsern eingesät, lechzten nach Wasser. De Luca und seine Ehefrau Maria Paola Casati, Geschäftsführerin der 27-Löcher-Anlage Golf della Montecchia, konnten die Auswirkungen von Hitze und Wassermangel auf der eigenen Golfanlage miterleben.
22 Jahre später hat sich das Meinungsbild in der italienischen Golfszene gewandelt: Dem Vorbild von Golf della Montecchia, die Fairways mit Bermudagrass einzusäen, sind inzwischen zahlreiche Golfanlagen in Italien gefolgt. Und nicht nur das: Auch das Olympiastadium in Rom verwendet inzwischen Bermudagräser. „Das hat die Meinung stark positiv beeinflusst,“ resümiert de Luca.
Der Italiener, der beim italienischen Golfverband den Themenkomplex Agronomie verantwortet, begann die Transformation zu neuen Gräsern 2004 in Montecchia in Zusammenarbeit mit den Universitäten von Pisa und Padua. Forschungsarbeiten, mit denen er die Tauglichkeit von Bermuda, Paspalum, Zoysia und Kikuyu untersuchte, sollten die theoretische Basis legen.
Zwei Faktoren erwiesen sich dabei immer wieder als Hindernisgrund: Zum einen war das Negativbeispiel eines Plätzes aus der Toskana in der Szene bekannt, der in den 70er-Jahren bei dem Versuch, Zoysia-Gräser zu implementieren, schlechte Erfahrungen gemacht hatte.
Zum anderen war die italienische Golfindustrie – trotz ihres mediterranen Klimas – in der Meinungsbildung von Zulieferfirmen und Experten geprägt, die aus Ländern nördlich von Italien stammten. Egal ob Frankreich, Deutschland, Österreich oder Skandinavien – Bentgräser waren hier lange immer die erste Wahl. In Italien traf man lange die gleiche Wahl, obwohl die klimatischen Bedingungen unterschiedlich sind.
50 -bis 70 Prozent weniger Wasserverbrauch
In Golf della Montecchia folgte einer erfolgreichen Testphase mit Tifway Bermuda auf der Driving Range im Jahr 2007 die Ansaat auf dem Championship-Platz. Egal ob in Venetien, im Großraum Rom oder auf Anlagen rund um Bologna. „Immer mehr folgten dem Beispiel.“ Die Vorteile, so de Luca, sprechen für sich: „Es war bis dato unsere beste Neuerung in Italien“, ist der Agronom zufrieden. „Wir verzeichnen auf den Plätzen 50 bis 70 Prozent weniger Wasserverbrauch, brauchen weniger Dünger und haben die Verwendung von Pestiziden so gut wie eingestellt. Nachdem die Verfügbarkeit von Wasser auch in Italien – wie in zahlreichen anderen europäischen Staaten – ein großes Thema ist, sind die Golfanlagen auch in der Argumentation mit Behörden besser aufgestellt.
Hinzu kommt, dass sich – so de Luca – auch die Qualität des Grases und die Spielbarkeit von Jahr zu Jahr verbessert haben.“ Vor allem große Hitze steckt das Bermudagras besser weg. Gleichzeitig bildet es in feuchten Wintern aber auch eine Art Grasmatte, die wiederum dazu führt, dass es deutlich weniger schlammig ist.
Allein das Thema Farbe macht den Golfanlagenbetreibern noch ein wenig zu schaffen. „Die Touristen erwarten meistens grüne Plätze, wenn sie im Herbst oder Frühjahr zu uns kommen“, hat de Luca beobachtet. Hochsaison ist in Venetien wie in vielen anderen Regionen Italiens von März bis Mai und dann wieder von September bis November, wenn es im Norden Europas anfängt kühl zu werden. Genau in dieser Phase ist Bermudagras zumindest teilweise gelblich, weil es in eine Art Winterruhe fällt. Die Bespielbarkeit des Grases ändert sich nicht, nur seine Optik. Das sogenannte Overseeding mit der Grassorte Poa Trivialis für den Winter sorgt auch in der kälteren Jahreszeit für einen grünen Schimmer.
De Lucas Mission in Sachen Gras-Transformation ist noch nicht vorbei. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels, der in Italien „zu wirklich verrücktem Wetter“ führt, hat der Grasexperte jetzt Forschungsarbeiten zu Zoysia-Gräsern im Blick, die er zusammen mit der Universität von Pisa durchführen will. Zoysia findet man ansonsten häufig in Asien.
Ist das also die nächste „verrückte“ Idee für den italienischen Golfmarkt? Keine Ahnung, meint der Italiener mit einem Lächeln. Er setzt auf solide Forschung und nachhaltiges Greenkeeping. Die Transformation hin zu mehr Bermudagräsern in Italien war deshalb nicht verrückt, sondern ein Lösungsansatz, der viele italienische Golfplätze resilienter gemacht hat.
INSERT_STEADY_NEWSLETTER_SIGNUP_HERE








