Biodiversitäts-Lexikon: T wie Toleranz
Hungerkünstler gibt es auch auf dem Golfplatz: Die Heidenelke zum Beispiel. Wenig Dünger, wenig Nährstoff – das ist ganz ihr Ding. Sie toleriert es einfach, wenn ihr Umfeld mager ist. Wer über Biodiversität spricht, stößt immer wieder auf den Begriff Toleranz.
Er beschreibt die unsichtbare Grenze zwischen Gedeihen, Überleben und dem endgültigen Verschwinden einer Art. Der Golfer setzt auf Sonnencreme und kühle Getränke wenn es heiß und sonnig wird. Pflanzen und Tiere sind vor Ort ihrer Umwelt schutzlos ausgeliefert. Jedes Lebewesen – vom kleinsten Bodenbakterium bis zum Frosch im Biotop an Bahn 12 – hat seinen ganz persönlichen Wohlfühlbereich. Wissenschaftler nennen das die Toleranzkurve. Gemeint ist die „ökologische Belastbarkeit“.
Das Optimum: Hier läuft alles perfekt. Die Pflanze wächst kräftig, das Tier vermehrt sich. Es ist wie ein perfekter Tag auf dem Golfplatz: nicht zu heiß, nicht zu kalt, genau die richtige Menge Wasser.
Der Stressbereich (Pessimum): Hier wird es ungemütlich. Das Lebewesen überlebt zwar noch, hat aber keine Energie mehr für „Extras“ wie Wachstum oder Nachwuchs. Es kämpft nur noch gegen die Umstände.
Der Nullpunkt: Wird die Toleranzgrenze überschritten, stirbt die Art an diesem Standort aus.
Jenseits von Fairways und Grüns stößt man auf zwei Arten von Tieren und Pflanzen:
Die Spezialisten: Diese Arten sind hochgradig wählerisch. Sie brauchen genau den richtigen Boden, eine ganz spezifische Feuchtigkeit und bloß nicht zu viele Nährstoffe. Viele unserer seltenen Orchideen oder spezialisierte Wildbienen gehören dazu. Sie sind extrem wichtig für die Biodiversität, aber sie sind „intolerant“ gegenüber Veränderungen. Verschlechtert sich ihr Lebensraum nur ein bisschen, ziehen sie sich zurück.
Die Generalisten: Robuste Typen wie der Löwenzahn oder die Krähe sind unempfindlich. Sie haben einen breiten Toleranzbereich. Das Problem: Wenn wir unsere Plätze zu sehr „vereinheitlichen“, fördern wir nur die Generalisten. Die Spezialisten bleiben auf der Strecke.
Spezialisten fördern
Die Spezialisten kann man fördern, zum Beispiel im Rough: Viele der schönsten Blühwiesen auf dem Golfplatz entstehen dort, wo wir wenig tun. Diese Pflanzen haben eine geringe Toleranz gegenüber Stickstoff. Düngen wir diese Bereiche aus Versehen mit, „ersticken“ Pflanzen wie der Klappertopf förmlich an dem Überangebot, und fette Gräser übernehmen das Kommando. Hier bedeutet Naturschutz eigentlich: die Intoleranz der Magerwiesen-Pflanzen zu respektieren.
Trockentoleranz der Gräser
Der Klimawandel zwingt Golfanlagen, über Trockentoleranz nachzudenken. Wissenschaftler suchen heute gezielt nach Grassorten, deren „Komfortzone“ auch bei mehr als 30 Grad ohne Dauerberegnung nicht endet. Eine hohe Toleranz gegenüber Hitze spart unter Umständen tausende Kubikmeter Wasser.
Störungstoleranz
Interessanterweise zeigen viele Wildtiere auf Golfplätzen eine erstaunliche Störungstoleranz. Da sie merken, dass von den Golfern auf den Wegen keine Gefahr ausgeht, gewöhnen sie sich an diese. Das gilt zum Beispiel für Gänse oder Feldhasen. Der Feldhase bleibt entspannt sitzen, während wir zum Abschlag gehen. Diese „Gewöhnung“ ist eine Form der Toleranz, die Golfplätze zu wertvollen Rückzugsräumen macht.
Resilienz fördern
Ein Golfplatz mit hoher Biodiversität ist resilienter. Wenn eine Anlage nur auf Arten setzt, die ein sehr schmales Toleranzfenster haben, kann ein einziger extrem trockener Sommer oder ein neuer Schädling das gesamte System zum Einsturz bringen. Fördert man dagegen eine Vielfalt an Arten mit unterschiedlichen Toleranzbereichen, fängt die Natur Schläge von außen viel besser ab. Wenn die eine Grasart unter der Hitze leidet, übernimmt eine andere, die es lieber warm mag. Das System bleibt stabil, grün und lebendig.
Toleranz in der Natur bedeutet also Anpassungsfähigkeit. Wer versteht, welche Bedürfnisse die Pflanzen, Tiere und Insekten auf den Golfanlagen haben, kann gezielt Nischen schaffen.
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